Gefährlicher Kurs: Länder holzen viel zu viel Regenwald ab
14.10.2026 - 06:48:15
BERLIN/WASHINGTON (dpa-AFX) - Eigentlich sollte im Jahr 2030 Schluss sein mit der großflächigen Abholzung von Wäldern - das nahm sich zumindest ein breites Staatenbündnis vor. Doch die Welt ist einer aktuellen Auswertung zufolge von diesem Kurs weit entfernt, wie die Beratungsagentur Climate Focus analysiert hat. Mit Hilfe von Daten und Informationen von mehr als zwei Dutzend zivilgesellschaftlichen und Forschungsorganisationen hat Climate Focus eine Bestandsaufnahme erstellt, "Forest Declaration Assessment" genannt.
Zwar habe es im vergangenen Jahr einen Rückgang der Entwaldung gegeben, schreiben die Autoren darin. Das sei allerdings längst nicht ausreichend gewesen. Auf dem Weltklimagipfel in Glasgow verpflichteten sich im Jahr 2021 mehr als 100 Staaten, die Zerstörung von Wäldern und anderen Landschaften bis 2030 zu stoppen. Wälder gelten als die Lunge unseres Planeten, sie nehmen etwa ein Drittel der jährlich vom Menschen ausgestoßenen CO2-Emissionen auf.
Weniger Abholzung in 2025 - aber noch immer viel zu viel
Im vergangenen Jahr wurden der Analyse von Climate Focus zufolge 7 Millionen Hektar Wald abgeholzt - was gegenüber dem Vorjahr einem Rückgang von 15 Prozent entspricht.
Zwischen 2018 und 2020 wurden laut dem Bericht im Schnitt 8,3 Millionen Hektar pro Jahr abgeholzt. Diesen Wert nutzt das Autorenteam des Berichts als Referenzwert, um Fortschritte - beziehungsweise das Ausbleiben von Fortschritten - zu messen.
Zwischen 2021 und 2024 sei die Entwaldung kaum vom Niveau der Vorjahre abgewichen. Dabei hätte eigentlich von diesem Zeitpunkt an jedes Jahr eine Million weniger Hektar Wald abgeholzt werden müssen, um 2030 bei null zu landen. So hätten für 2024 maximal noch 5 Millionen Hektar abgeholzt werden dürfen - stattdessen waren es immer noch 8. 2025 hätten es nur noch 4,2 Millionen Hektar sein dürfen - also sehr viel weniger als die tatsächlichen 7.
"Es ist eine erfreuliche Nachricht, dass wir im Jahr 2025 15 Prozent weniger Wald verloren haben als im Jahr 2024, aber das sieht zum Teil nur deshalb so gut aus, weil die Vorjahre so schlecht waren", erklärt die Hauptautorin des Berichts, Erin Matson, leitende Beraterin bei Climate Focus.
In Afrika geht es in die falsche Richtung
Erstmals seit Beginn der Aufzeichnung habe die Entwaldung im tropischen Afrika (mit 2,4 Millionen Hektar im Kongobecken) auf ähnlichem Niveau gelegen wie in den Tropen Lateinamerikas (2,5 Millionen Hektar). Die beiden Regionen hätten sich zuletzt in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Während Brasiliens Maßnahmen unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zu einem Rückgang in der Region von 33 Prozent geführt hätten, habe es im Kongobecken keinerlei Anzeichen für eine Verringerung der Entwaldung gegeben. Diese kommt dort vor allem durch eine Ausweitung der Landwirtschaft, Holzgewinnung und durch den Bergbau zustande.
"Die Fakten zeigen uns, dass die zugrunde liegenden Kräfte, die die Wälder der Welt zerstören - verzerrte wirtschaftliche Anreize, schwaches Regierungshandeln und unzureichender Schutz für indigene Völker und lokale Gemeinschaften - nach wie vor allgegenwärtig sind", betont Co-Autor Ivan Palmegiani. "Letztendlich ist die Krise, die wir in unseren Wäldern beobachten, in Wirklichkeit die Folge einer umfassenderen Krise der Wirtschafts- und Regierungssysteme, die deren Zerstörung ermöglichen und sogar fördern."
Fortschritte können auch schnell wieder kippen
Dieser Zusammenhang ist auch ein Grund dafür, weshalb das Autorenteam zurückhaltend mit Prognosen ist. Bei den bisher erreichten Fortschritten sei keinesfalls klar, dass sie sich fortsetzten. Der Schutz der für das Weltklima so relevanten Wälder hänge von den Entscheidungen einiger weniger Regierungen ab - und deren Politik könne sich schnell ändern.
Besonders relevant dürfte dies mit Blick auf Brasilien sein. Der derzeit noch amtierende linke Lula muss am 25. Oktober in einer Stichwahl gegen seinen rechtsgerichteten Herausforderer Flávio Bolsonaro - Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro - antreten. In dessen Amtszeit weitete sich die jährlich in Brasilien abgeholzte Fläche deutlich aus, erst mit Lula kam die Kehrtwende.
Nach Daten des Nationalen Instituts für Weltraumforschung (Inpe) war die Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet zuletzt so niedrig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.
Brasilien mit Schlüsselrolle in kritischen Zeiten
Als Gastgeber der Weltklimakonferenz im vergangenen Jahr hatte Lula mit einem sogenannten Tropenwaldfonds namens Tropical Forest Forever Facility (TFFF) für einen weiteren neuen Ansatz getrommelt, mit dem Waldschutz attraktiver werden soll: Länder, die ihre Wälder erhalten, sollen nach dem neuartigen Modell belohnt werden. Umgekehrt sollen sie für jeden zerstörten Hektar Wald Strafe zahlen. Überprüft werden soll dies mit Satellitenbildern. Deutschland sagte über einen Zeitraum von zehn Jahren insgesamt eine Milliarde Euro zu. Wie es im Fall eines Wahlsiegs von Bolsonaro mit dem Fonds weitergehen wird, ist fraglich.
Die Autoren des Waldberichts weisen zudem darauf hin, dass die Amtszeit des nächsten brasilianischen Präsidenten in einem kritischen Zeitfenster liegt. Die Welt könnte in den nächsten Jahren offiziell die 1,5-Grad-Marke reißen, bei der man die Erderwärmung eigentlich stoppen wollte.
Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, erklärte auf der Klimakonferenz am Rande des Amazonas im vergangenen Jahr, wenn man den Regenwald zu sehr belaste, könne er sich irreversibel in eine Savanne verwandeln. "Wenn wir 1,5 Grad überschreiten, was wir sehr wahrscheinlich in den nächsten 5 bis 10 Jahren tun werden, und wenn wir weiterhin Waldfläche verlieren, können wir nicht ausschließen, dass wir in den nächsten Jahrzehnten diesen Kipppunkt erreichen", so der renommierte Klimaforscher. "Wir alle sind auf den Amazonas-Regenwald angewiesen, um ein stabiles Klima zu gewährleisten."/swe/DP/zb
Quelle: dpa-AFX