Minnesota: Welche Schlüsse Videos zulassen und welche nicht
11.01.2026 - 19:52:45
MINNEAPOLIS (dpa-AFX) - Es sind verstörende Szenen, die die USA seit Tagen aufwühlen: Handyaufnahmen von Augenzeugen zeigen, wie ein Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE am Mittwoch in einem Wohngebiet von Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota mit dem Tod der dreifachen Mutter Renee Nicole Good endet. Ein Beamter hatte aus direkter Nähe mehrere Schüsse auf die 37-Jährige abgegeben.
Es sind Ausschnitte, aufgenommen aus verschiedenen Perspektiven, die amerikanische und auch deutsche Medien in den vergangenen Tagen analysiert haben, um zu rekonstruieren, was in den Momenten vor den Schüssen geschah. Am Freitag und Samstag kommen weitere Perspektiven hinzu - veröffentlicht diesmal auch über Kommunikationskanäle der Regierung. "Die Beweise sprechen für sich", schreibt das Heimatschutzministerium zu einem der Videos - verbunden mit deutlicher Kritik an der Berichterstattung der Medien.
Doch welche Annahmen lassen sich wirklich anhand dieser Videos treffen?
Grundlage für den folgenden Überblick sind von der "New York Times" ausgewertete und zusammengeschnittene Videos, ein Handyvideo des Beamten, der schoss, sowie ein am Samstag vom US-Heimatschutzministerium veröffentlichtes Video.
Was sich anhand der Aufnahmen sagen lässt:
Good ist schon Minuten vor der Konfrontation mit den Beamten in dem Wohngebiet, wo die US-Einwanderungsbehörde einen Einsatz durchführt. Ihr Wagen steht quer auf der Straße. Andere Autos können aber passieren. Es ist immer wieder lautes Hupen zu hören.
Dann kommt es zur direkten Begegnung zwischen der 37-Jährigen und dem Beamten, der später die Schüsse auf sie abgab. Er nähert sich ihrem Fahrzeug und filmt. Während er um das Auto herumgeht, spricht Good ihn direkt an. "Ist schon gut, Mann. Ich bin nicht sauer", sagt sie. Ihren linken Arm lässt sie aus dem Fenster hängen, mit der rechten Hand hält sie das Lenkrad. Der Beamte sagt nichts.
Eine andere Frau, bei der es sich Medienberichten nach um Goods Ehefrau Becca handelt, filmt den Beamten und spricht aufgebracht mit ihm. Auch hier erwidert er nichts. Als ein anderer Beamter Renee Nicole Good auffordert, aus dem Wagen auszusteigen, versucht Becca Good, die Beifahrertür zu öffnen.
Der Beamte, der Good zum Aussteigen bewegen will, versucht vergebens, die Fahrertür zu öffnen, und greift durch das offene Fenster ins Innere, während die Frau bereits rückwärts nach links steuert.
Es macht den Anschein, als wolle die Frau den Ort des Geschehens verlassen. Sie schlägt mit dem Lenkrad nach rechts ein - weg von den Beamten - und fährt vorwärts.
Als sich der Wagen nach vorn bewegt, zieht einer der Beamten seine Waffe. Im Moment der Schüsse sind die Reifen deutlich nach rechts und somit in die von den Beamten wegführende Richtung gerichtet.
Die Situation eskaliert in weniger als einer Minute.
Was sich allein anhand der Videos nicht sagen lässt:
Unklar sind der Kontext und die Vorgeschichte. In einer Mitteilung an einen Radiosender in Minnesota schreibt Goods Frau, sie wollten ihre Nachbarn unterstützen - möglicherweise also vor dem Zugriff der Behörden schützen. Das Hupkonzert und das Geräusch der Trillerpfeifen auf den Videos deutet darauf hin, dass in der Nachbarschaft gegen den Einsatz der Einwanderungsbehörde ICE protestiert wurde, was vielerorts passiert, seit die Behörden deutlich härter gegen Einwanderer vorgehen.
Es ist nicht klar, warum das Auto der 37-Jährigen quer auf der Straße stand. Das US-Heimatschutzministerium wirft der Frau vor, den Einsatz blockiert haben zu wollen.
Es wird nicht klar, was die 37-Jährige dazu veranlasste, dem Beamten zu sagen, sie sei nicht sauer.
Man kann nur spekulieren, warum sie der Aufforderung des Beamten, aus ihrem Auto zu steigen, nicht nachkam.
Es lässt sich nicht genau erkennen, wie weit entfernt vom Auto der Beamte stand. Je nach Kamera-Perspektive sieht es anders aus.
Eine zentrale offene Frage ist, ob das Auto den Beamten berührt hat.
Was die US-Regierung und andere Politiker in den Videos sehen
Das Heimatschutzministerium und der Vizepräsident JD Vance präsentieren das Video aus Perspektive des Beamten als Beleg dafür, dass er aus Notwehr auf Good schoss.
Das Heimatschutzministerium sieht in dem am Samstag veröffentlichten Video, das die Minuten vor dem Vorfall zeigt, einen Beleg dafür, dass die Frau den Einsatz behinderte.
Nach Sichtung von Videos bezeichnete der demokratische Bürgermeister von Minneapolis Jacob Frey dagegen die Darstellung, der Beamte habe sich selbst verteidigt, als "Bullshit".
Bereits am Mittwoch hatte auch der demokratische Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, erklärt, er habe ein Video gesehen. Er schrieb bei X: "Glaubt dieser Propaganda-Maschine nicht."
Wo Grenzen von Videomaterial liegen
Videos geben den Anschein, die Realität objektiv wiederzugeben. Von dem Vorfall in Minneapolis gibt es diverse Aufnahmen, die helfen können, das Ereignis zu rekonstruieren und aufzuklären. Sie können aber auch genutzt werden, um einer bestimmten Lesart mehr Gewicht zu geben.
Je nach Perspektive und Ausschnitt können Situationen ganz unterschiedlich wirken und interpretiert werden. Umso wichtiger ist es, verschiedene Blickwinkel zu berücksichtigen.
Videos können in einem Fall wie diesem möglicherweise und teils Antworten auf das Wie, aber nicht auf das Warum liefern. Aus welchen Gründen handeln Menschen, wie sie es tun?
Die Videos geben keine Antwort auf die Frage, wie die betroffenen Personen die Situation subjektiv wahrnahmen. Fühlten sie sich bedroht? Darauf gibt auch das Video aus der Perspektive des Beamten keine Antwort. Ebenso wenig wissen wir, wie die Frau in ihrem Auto die Situation bis zu den Schüssen empfand./thn/DP/zb
Quelle: dpa-AFX